Die Testfahrt mit dem Tesla Model 3 soll vermitteln, wie sich der aktuellste Tesla-Spross fährt und so nebenbei: wodurch unterscheidet sich das Model 3 vom größeren Model S (abgesehen von der Länge).
Meine Erwartung an die Model 3 Testfahrt
Um das heraus zu finden bietet sich eine Landpartie an – eine kleine Tour durch das abwechslungsreiche Niederösterreich.
Die Passagiere – Tag/Nacht oder Yin/Yang?
Testfahrt mit höchst unterschiedlichen Passagieren. No. 1 ist weiblich, über 50, kennt unterschiedliche Autos, fährt fast täglich Auto, interessiert sich aber nur sehr peripher für das Thema – funktionieren sollen sie. No. 2 ist männlich, ca. 30, saugt alles zum Thema Auto auf, wie ein ausgetrockneter, griechischer Naturschwamm. No. 3 ist weiblich, zählt 90(!) Lenze, fährt selbst noch freudig und sicher Kleinwagen und ist neugierig auf alles Neue. No. 4 bin ich – seit meiner Kindheit vom Autovirus befallen und kritischer Beobachter der Mobilitätskonzepte für unsere Zukunft. Bei persönlichen Meinungen der Personen werde ich diese im Artikel als No. 1 bis 4 bezeichnen – das ist einfacher so (für mich).
Die Tesla Model 3 Varianten zur Auswahl
Das Tesla Model 3 heißt übrigens nicht DREI, weil es drei Modelle zur Auswahl gibt. Du kannst zwischen folgenden Varianten wählen:
- Standard-Reichweite Plus: Hinterradantrieb und partieller Premium-Innenraum
- Maximale Reichweite: Allradantrieb und Premium-Innenraum (unser Testfahrzeug)
- Performance: Allradantrieb und Premium-Innenraum
Das Model 3 kleckert nicht mit Leistung
Das Model 3 von Tesla kleckert nicht mit Leistung. 460 PS sind eine Ansage für ein Auto der Mittelklasse. Dort tummeln sich Audi A4, 3er BMW, C-Klasse Benz und Exoten, wie beispielsweise Jaguar XE oder Renault Talisman. Es ist nicht die pure Leistung, die begeistert. Nein, die Charakteristik des bärenstarken E-Antriebes. Das volle Drehmoment ab der ersten Motor-Umdrehung – das ist beeindruckend.
Wenn rote Ampeln plötzlich Spass machen
Wie am extrastarken Rex-Glas-Gummi gezogen schlürft der Tesla den Hunderter in 4,6 Sekunden. Die Top-Speed von 235 Km/h ist ganz OK – für Österreich jedenfalls ausreichend. No. 2 höchst erfreut: ‚Jö, die nächste Ampel ist wieder rot. Gib dann wieder ordentlich Gas… äh… Strom!‘. Die Freude mach ich doch gerne – sssssssssswuuuschhhhhhh und weg simma – nur bis 50 Km/h. Wir sind noch im Stadtbereich unterwegs.
No. 1 stellt fest, dass es im Innenraum gar nicht sooo leise ist. Zwar ist kein Motorbrummen zu hören (echt jetzt?), jedoch sind bei einem 80er die Wind- und Abroll-Geräusche deutlich hörbar. Ein gut gedämmter, moderner Ölbrenner ist da nicht viel lauter. So rollen wir über die Donauufer-Autobahn in Richtung Flughafen, wo No. 3 schon auf uns wartet.
Straffe Vordersitze
Das Gestühl ist funktional und ein angenehmer Kompromiss. Für No. 2 haben die Vordersitze zu wenig Seitenhalt – im Vergleich zu den Sportschalen eines Cup-Porsches (hm…). No. 1 meint prüfend: „Ein bisserl weicher könnten die Polster schon sein…“. Meiner bescheidenen Meinung nach passen die Sitzmöbel bestes für den Alltag. Bei zivilisierter Fahrweise ist der Seitenhalt in Ordnung, die Sitzflächen sind für ca. 180 cm große Menschen passend und die straffe Polsterung entlässt die Insassen auch nach längeren Strecken gut gelaunt und munter. Ein Manko: die Kopfstützen sind in Höhe und Neigung nicht justierbar.
Sitzreihe zwei für lange Strecken
Hinten sitzen ist bei einem Model 3 von Tesla keine Strafe. Wie vorne sind auch die Passagiere in der zweiten Sitzreihe gut und langstreckentauglich aufgehoben. Straffe Polster gewährleisten eine ermüdungsfreie Reise.
Moderne Limousinen sind generell kein Ausbund an Übersichtlichkeit. Der Tesla Model 3 macht hier keine Ausnahme. Beim rückwärts Einparken hilft die Kamera am Heck und die Piepserln rundum sowieso. So wirst du den Tesla in jede noch so enge Parklücke reinquetschen.

Die Bedienung des Model 3 erfolgt fast gänzlich über den zentralen Monitor in der Mitte des Armaturenbretts – das beeindruckt auch Einhorn-Lamas
Bedienung über den zentralen Touch-Screen
In Punkto Funktionalität geht Tesla ganz eigene Wege. Im Innenraum ist der zentrale Touch-Screen das beherrschende Design- und Bedien-Element. Neben dem Bildschirm gibt es nur die beiden Lenkstockhebel und zwei Dreh&Drück-Knöpfe am Lenkrad – das war’s auch schon. Die Menüführung am fix montierten Tablet ist sehr simpel, hast du sie einmal durchschaut. Mehr braucht es nicht, um ein Auto zu bedienen. Alle Funktionen sind hier verfügbar und sämtliche Konfigurationen wirst du darüber adaptieren können. Daran kannst du erkennen, dass ein Tesla ein Computer mit Fahrfunktion ist. Nur No. 3 ist etwas verwirrt. ‚Und wie nimmst du das Tablet von dort vorne runter?‘, fragt sie ungläubig.
Knackiges Fahrwerk für sportliches Fahren
Das Model 3 kannst du knackig und direkt bewegen. Das relativ hohe Gewicht von fast 1,9 Tonnen Leergewicht und der tiefe Schwerpunkt durch die Batterien lassen die Fuhre satt am Asphalt picken. Die Michelin Pilot Sport 4 am Testauto sind top und passen sehr gut zum Fahrzeug. Die Kategorie sportliche Limousine charakterisiert die Fahrdynamik am Besten. Kurviges Überland-Geläuf, wie beispielsweise entlang des Wagrams, zaubert dem Tesla ein imaginäres Grinsen in die Front. Enge, schnell gefahrene Kurven quittiert er mit dem Eingriff der elektronischen Assistenzsysteme. Die regeln alles soweit herunter, sodass sicheres Vorankommen gewährleistet wird. Bis zum Grenzbereich liegt das Model 3 neutral bis leicht untersteuernd auf der Fahrbahn. Das Fahrwerk ist straff abgestimmt und passt gut zum sportlichen Charakter.

Das Fahrverhalten des Model 3 ist durchaus sportlich – mit einem Rennkart sollte man sich trotzdem nicht anlegen
Fährst du vorausschauend, wirst du nur selten das Bremspedal bemühen müssen. Einfach vom Gas- bzw. Fahrpedal gehen, Energie wird durch Rekuperation gewonnen und in die Batterie gespeist. Reicht das nicht aus, greifen die Bremszangen in die vier Scheiben und verzögern die knappen zwei Tonnen bis zum Stillstand.
Innen- und Kofferraum
Den Innenraum des Tesla Model 3 zeichnet eine verblüffende Klarheit aus. Diese wurde weiter vorne bereits im Kontext der Bedienbarkeit angesprochen. Die verwendeten Materialien kommen an die Haptik anderer Premium-Hersteller nicht ganz heran. Vorne wie hinten bietet das Model 3 ausreichend Platz. Vier Personen reisen mit dem Auto sehr bequem – derer fünf passen eh auch rein.

Der (hintere) Kofferraum schluckt einiges an Gepäck – auch wenn der Ladeboden durch die Batterien etwas hoch ist
Das Kofferraum-Volumen ist für ein Mittelklasse-Fahrzeug ausreichend. Der hohe Laderaum-Boden im hinteren Laderaum ist den Batterien im Wagenboden geschuldet. Der Zugang ist ein großes Loch – leider hat das Model 3 trotz Fließheck keine Heckklappe. Im Vorderwagen findest du ebenfalls einen Stauraum – das ist der Vorteil der kompakten Elektro-Motore.

Alle Luken geöffnet – der Zugang zum hinteren Gepäckabteil könnte bequemer sein, wenn es eine Heckklappe wäre
Vollständige Ausstattung – alles drin und dran
Unser Testfahrzeug ist mit allem ausgestattet, was Tesla zu bieten hat – das nennt sich ‚Premium-Innenraum‘. Die Vordersitze sind 12-fach verstell- und beheizbar. Auch die hinteren Sitze lassen sich beheizen. Genussvolles Musikhören genießt du mit dem Premium-Audiosystem – 14 Lautsprecher plus Subwoofer machen tollen Sound.
Der Sonnenschutz – „Nicht gerade das gelbe vom Ei…“
Zwiespältige Reaktionen löst das getönte Panorama-Glasdach aus. Während No. 2 das transparente Dach extrem cool findet findet No. 1 nur wenig Positives daran. ‚Da blendet ja die Sonne voll herein. Herinnen wird es extrem heiß deswegen. Warum gibt es keine g’scheite Sonnenschutz-Rollo?‘, so die Wortspenden. Schnell ist ein fummeliger Sonnenschutz montiert. ‚Naja… das ist zwar auch nicht THE YELLOW OF THE EGG aber ok‘, vermerkt No. 1 missmutig.

Der Sonnenschutz für das Panorama-Glasdach ist eine fummelige Sache – vielleicht überlegt sich Tesla eine komfortablere Lösung
Autopilot – am Weg zum autonomen Fahren?
No. 2 kann es nicht mehr erwarten. Er möchte unbedingt sehen, wie autonom der Autopilot das Auto steuert. ‚Los! Nimm die Hände vom Lenkrad! Der Tesla soll selber fahren!‘, tönt es hoch motiviert aus der zweiten Reihe. No. 3 hat in ihren 90 Jahren schon eine Menge erlebt und möchte gerne noch einige Lebenszeit dranhängen und macht sich mit leisem ‚Bitte nicht! Muss das denn sein?‘ bemerkbar.
Also: ‚Autopilot‘ hört sich dramatischer an, als es ist. Das Kernstück ist ein adaptiver Tempomat, der seine Sache ganz gut macht – auf der Autobahn. Selbstständig Spur wechseln beispielsweise? Ja, funktioniert. Allerdings agiert das System dermaßen vorsichtig – da muss mehr als genug Platz sein und von hinten darf kein Auto sichtbar sein. Da stellt sich allerdings die Sinnfrage. Solltest du nicht mehr in der Lage sein, einen Spurwechsel ohne Automatismus hinzubekommen, dann lege doch bitte deinen Führerschein zurück.
Von der Verwendung der Autopilot-Funktion in der Stadt rät Tesla ab – ich übrigens auch. Falsch eingeschätzte Begrenzungslinien auf der Fahrbahn, beziehungsweise knapp daneben auf dem Gehsteig, lassen dir die Angst-Schweißperlen aus dem Gesicht schießen. Abrupte Bremsmanöver, weil das System ein vermeintliches Hindernis zu erkennen glaubt können Hintermänner und -frauen in brenzlige Situationen bringen.
Herbeirufen – komm Tesla komm

Die ‚Herbeirufen‘-Funktion über die Tesla-App scheint sinnvoll, um das Model 3 aus einer engen Parklücke heraus zu locken
Da ist noch die ‚Herbeirufen‘-Funktion, die den Tesla wie von Geisterhand betrieben aus der Schrägparklücke herauslockt. Das muss doch auf Praxistauglichkeit getestet werden. Schrägparker gegenüber des Griechen in Korneuburg. Der Gastgarten ist gesteckt voll – ca. 50 neugierige Köpfe recken sich gen Parkplatz und freuen sich auf das High-Tech-Spektakel. Das Model 3 bewegt sich – kurz. Verbindung unterbrochen – aha. Nochmals. Oh, wieder ein Stück aus dem Platz heraus. Verbindung unterbrochen. Hm… geht schon wieder. Jetzt steht er quer über die Fahrbahn und blockiert mittlerweile fünf Autos, die nur vorbeifahren wollten. Schnell alle einsteigen – schnell ist bei einer 90jährigen nicht sooo rasant. Endlich alle drinnen. Gleich wegfahren geht nicht, weil das Auto gerade und nicht in einer Kurve aus der Parklücke rollte. Also nochmals hinein auf den Parkplatz, alle (mittlerweile acht) Autos passieren lassen und ’normal‘ ausparken. Das schadenfrohe Grinsen der Gäste beim Griechen liegt mir noch immer im Magen – ich bin da halt sehr sensibel.
Schutz und Sicherheit
Aktive Sicherheit ist beim Model 3 von Tesla GROSS GESCHRIEBEN. Kürzlich erhielt das Model 3 fünf Sterne bei einem Crash-Test von ÖAMTC/ADAC (siehe hier: https://www.oeamtc.at/tests/crashtest/crashtest-2019-07/tesla-model-3-32606934). Unter anderem sind dafür verantwortlich: die hochfeste Metallstruktur der Karosserie, rundum Airbags und jede Menge an Sicherheits-Assistenzsystemen.
Die hohe passive Sicherheit ist durch das enorme Beschleunigungspotential vertretbar. Außerdem wirst du feststellen, dass das Fahren mit einem Elektrofahrzeug sehr entspannend und beruhigend ist. Unaufgeregte Autofahrer braucht das Land!
Sauber und Grün ohne Emissionen
Null Emissionen! Das ist es selbstverständlich nicht und nur die halbe Wahrheit. Je nachdem, wie der Strom aus der Ladestation produziert wurde ist er sauber (erneuerbare Energien), schmutzig (Braunkohle) oder bedenklich (Atomkraft). Beim ökologischen Fußabdruck ist auch die Produktion der Batterien mit zu berücksichtigen. Diese Diskussion möchte ich hier jedoch bewusst nicht weiterführen – da streiten sich schon seit Jahren die Top-Experten dieser Welt.
Ganz sicher erzeugt der Tesla Model 3 beim Fahren keine umweltschädlichen Schadstoffe – das trägt zumindest zu einer besseren Luft in der Stadt bei.
Der Preis aus der Liste
Wenn du dir ein fabrikneues Modele 3 zulegen möchtest, musst du (in Österreich im September 2019) mindestens EUR 46.680,- zahlen. Dafür bekommst du den ‚Tesla Model 3 Standard Reichweite Plus‘.
Der Kaufpreis unseres Testwagens beläuft sich auf EUR 64.930,- (Tesla Model 3 Maximale Reichweite mit Dualmotor-Allradantrieb und einigen Extras). Treibstoff- und Steuerersparnis im Vergleich zu einem Auto mit Verbrennungsmotor sind hier ebenso wenig berücksichtigt, wie Fördergelder für die Anschaffung von Elektro-Fahrzeugen.
Tesla Model 3 vs. Model S – Unterschiede
Zunächst einmal – das Model 3 spielt in einer anderen Liga im Vergleich zum Model S von Tesla. Der große Tesla ist länger und bietet durch mehr Platz ein Plus an Reisekomfort. Der ‚Kleine‘ fährt sich agiler und sportlicher und fühlt sich daher auf kurvenreichen Straßen merkbar wohler. Das Model S schafft größere Reichweiten. Der Innenraum fühlt sich im Model S etwas hochwertiger an, dafür bietet das Model 3 mit seinem minimalistischen Ansatz – EIN Display und aus – ein noch moderneres Ambiente. Preislich startet das Model S erst bei EUR 87.980,- im Vergleich zu den EUR 46.680,- des Model 3 Einheitspreises (bei deutlich geringerer Ausstattung und Heck- statt Allradantrieb).
Fazit des Redakteurs
Der Tesla Model 3 fasziniert durch sein agiles Handling und den sportwagenähnlichen Fahrleistungen. Durch den Allrad-Antrieb des Testfahrzeuges gibt es kaum Traktionsprobleme. In der Stadt ist die Limousine ausreichend wendig und bietet vier Personen ausreichend und fünf Leuten auch noch Platz genug. Liebhaber bärenstarker Elektro-Autos kommen nicht daran vorbei, das Tesla Model 3 in die engere Wahl zu nehmen.
Daten & Fakten des Testfahrzeuges
- Fahrzeug: Tesla Model 3 Maximale Reichweite
- Motor: Drehstrom-Asynchronantrieb
- Kraftübertragung: kein Getriebe
- Antrieb: Allradantrieb
- Hubraum: kein Hubraum
- Leistung: 340 kW / 460 PS
- Drehmoment: 630 Nm
- Batteriekapaziät: 75 kWh
- Beschleunigung 0-100 Km/h: 4,6 Sek.
- Höchstgeschwindigkeit: 235 Km/h
- Reichweite: 560 / ca. 500 Km (NEFZ/Testverbrauch)
- Länge: 469 cm
- Breite: 185 cm
- Höhe: 144 cm
- Radstand: 288 cm
- Wendekreis: 11,60 m
- Kofferraumvolumen: 85/340 Liter (vorne/hinten)
- Leergewicht: 1856 Kg
- Reifen: 235/45 ZR 18 (Michelin Pilot Sport 4)
Hilfreiche Links:
- Konfigurator – dein individuelles Model 3
- Tesla Roadster Sport – was röhrt da?
- Tesla Supercharger-Stationen
- Destination Charger-Stationen von Tesla
Text und Fotos: Andreas Icha










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