Verfasst von: Andreas Icha | 15. Juni 2019

Legendärer Jaguar Cheftestfahrer Norman Dewis ist tot

  • Norman Dewis schrieb britische Automobilgeschichte: in 33 Jahren hat er als Leiter der Jaguar-Testabteilung 25 bedeutende Jaguar-Modelle und -Rennwagen entwickelt
  • Die berühmtesten Jaguar-Modelle, u.a. der D-Type als mehrfacher Gewinner der 24 Stunden von Le Mans, und die Ikone E-Type, entsprangen seiner Expertise
  • Dewis stellte auch einen Geschwindigkeitsrekord für Jaguar auf und trat 1955 mit einem D-Type bei den Rennen in Le Mans und Goodwood an
  • Als weltweiter Botschafter der Marke war er auch regelmäßiger Gast bei hochkarätigen Classic-Veranstaltungen – in Österreich etwa bei der Ennstal-Classic 2012; als genialer Geschichtenerzähler hatte er auch in Österreich eine große Fangemeinde
Jaguar Testfahrer Norman Dewis

Norman Dewis OBE (Träger des „Order of the British Empire“), der unzähligen Jaguar-Modellen als Cheftester den letzten Schliff verpasste, ist vergangenes Wochenende im Alter von 98 Jahren gestorben. Während seiner 33 Jahre bei Jaguar in Coventry stieg der furchtlose und äußerst talentierte Dewis zum berühmtesten englischen Testfahrer auf. Kein Fahrwerks-Malus entging seinem sensiblen Popometer – erst wenn Norman sein „Okay“ gab, durfte ein neuer Jaguar in Serie gehen. Sein stets freundlicher und bescheidener Auftritt sowie der Nimbus des Unzerstörbaren verliehen ihm schon bald Legendenstatus. Der Marke Jaguar blieb der Mann mit der Jockey-Statur als globaler Markenbotschafter bis zum Schluss eng verbunden. Als genialer Geschichtenerzähler bezauberte er auch österreichische Jaguar- Freunde, die ihn bei der Ennstal-Classic 2012 erleben durften.

Dewis‘ Geschichte mit Jaguar – in allen Details beschrieben in der 2006 erschienenen Autobiographie „Norman Dewis of Jaguar – Developing the Legend“ – ist bemerkenswert: Er entwickelte neben den mehrfachen Le Mans-Siegern C- und D-Type die klassischen XK140 und XK150 Roadster, die Sportlimousinen 2.4/3.4 und Mk2, die großen Jaguar MkVII und MkVIIM, den legendären E-Type (inklusive des Lightweight E-Type), den Mittelmotor-Prototyp XJ13, den ersten XJ, den XJ-S und die „XJ40“-Generation der XJ-Baureihe. Jedes dieser mit Dewis‘ Expertise feingeschliffenen Modelle bleibt bis heute dank einer unnachahmlichen Kombination aus Komfort und dynamischem Handling ein Markstein der Automobilgeschichte.

Jaguar Testfahrer Norman Dewis

Norman Dewis berichtete vom ersten Tag an direkt an den damaligen Jaguar-Chefentwickler Williams Heynes. Für einen Testingenieur in der Automobilindustrie eine sicher einmalige Konstellation, die Heynes jedoch unmittelbares und aus erster Hand geliefertes Feedback aus dem Entwicklungsprozess lieferte. Norman schickte Kopien seiner Reports auch an Firmengründer Sir William Lyons. Sowohl Heynes wie Lyons maßen seinen Beobachtungen und Kommentaren großen Wert bei.

Der am 3. August 1920 in Coventry geborene Dewis verließ nach dem frühen Tod des Vaters die Schule und begann schon mit 14 Jahren an Autos zu arbeiten – bei Humber montierte er Kotflügel und Motorhauben. Mit 15 wechselte er zu einem anderen Autobauer, Armstrong Siddeley, wo er in der Fahrwerksabteilung tätig war und bei Abstimmungsfahrten erstmals das Autofahren erlernte. Im Krieg wurde Dewis zur RAF eingezogen, wo er den Geschützturm von Blenheim-Bombern bediente. Nach dem Krie und einer kurzen Episode bei Lea-Francis begann am 1. Januar 1952 seine 33 Jahre lange Karriere bei Jaguar.

Jaguar Testfahrer Norman Dewis

Neben den vielen Modellen, die Dewis in dieser Zeitspanne entscheidend mitentwickelte, übte eines seiner ersten Projekte ohne Zweifel den größten Effekt auf die Entwicklung der Automobiltechnik aus: die Scheibenbremse. Dewis wurde eingebunden in die Erprobung dieses von Jaguar zusammen mit Dunlop erdachten revolutionären Bremssystems – unvergessen der Testeinsatz eines C-Type mit Scheibenbremsen bei der Mille Miglia von 1952 – mit Stirling Moss als Fahrer und Dewis als Co-Pilot.

1953 war es dann Dewis selbst, der in einem modifizierten Jaguar XK120 auf einem gesperrten Teilstück der belgischen Autobahn bei Jabekke mit 277,41 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Seriensportwagen aufstellte. Beim dramatischen 24 Stunden-Rennen von Le Mans 1955 lenkte er neben Renngrößen wie Hawthorn, Moss und Fangio einen über 300 km/h schnellen D-Type. Als Ersatzmann unverhofft eingesprungen, lag er auf Platz vier, bis sein Partner Don Beauman den Jaguar kurz nach Mitternacht in die Sandbank der Arnage-Kurve setzte.

Jaguar Testfahrer Norman Dewis

Jaguar Werksfahrer Mike Hawthorn gehörte zu jenen, die Dewis Urteil nahezu blind vertrauten. Kam er zu einer Trainingsfahrt an die Strecke und sah, dass Dewis schon eingetroffen war, fragte er den Teammanager: „Warum bin ich hier? Wenn Norman zufrieden ist, bin ich es auch.“ Und so kam es, dass durch gegenseitigen Respekt und spontane Sympathie Dewis lebenslange Freundschaften zu Hawthorn, Moss oder später auch zu Jackie Stewart aufbaute.

Neben den Rennwagenentwicklungen wurde Norman Dewis auch durch seine legendäre Hauruck-Aktion im Rahmen der Weltpremiere des Jaguar E-Type 1961 auf dem Genfer Salon bekannt. Sir William Lyons orderte aufgrund des großen Ansturms auf das neue Modell einen weiteren E-Type von Coventry nach Genf. Norman Dewis machte sich auf den Weg und legte die 1100 Kilometer nach Genf in nur 15 Stunden zurück – bis aufs Tanken nonstop, eine in der Zeit ohne Autobahnen beeindruckende Leistung.

Jaguar Testfahrer Norman Dewis

In einer Ära ohne Sicherheitsgurte und Crashsicherheit gab sich Dewis furchtlos. Alles in allem spulte er geschätzt über 1,6 Millionen Testkilometer mit Geschwindigkeiten von über 160 km/h zurück. Seien es ein D-Type, den er bei Tests mit Glasfiber-Paneelen aufs Dach legte oder Überschläge mit dem XJ13 bei Hochgeschwindigkeitsfahrten – der unzerstörbare Norman Dewis mit der Statur eines Jockeys kroch jedes Mal ohne Kratzer aus dem Wrack, erzählte seiner Frau nichts davon und ging am nächsten Tag zurück zur Arbeit.

In den Jahren vor seiner Pensionierung baute Norman bei Jaguar eine kleine, aber hoch motivierte Fahrzeugerprobungsabteilung auf, die er bis zu seinem Rückzug in den Ruhestand in 1985 leitete. Darüber hinaus überwachte er den Aufbau einer Jaguar-Testbasis in Nardo (Italien) und 1984 einer ähnlichen Dependance in Phoenix, Arizona, die für den wichtigen US-Markt Langstrecken- und Umwelterprobungen durchführte.

Jaguar Testfahrer Norman Dewis

In jüngerer Zeit war Dewis im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Jubiläum des D-Type an prominenter Stelle aktiv. Wo immer Jaguar auftrat, war auch Norman vor Ort, plauderte mit Fans und Freuden, in Cowboy-Stiefeln und mit seiner auffälligen Schnürsenkel-Krawatte. Beim Goodwood Revival demonstrierte er bei Fahrten im D-Type, dass er auch mit 93 Jahren kaum was von seinem Biss hinterm Lenkrad verloren hatte. Auch im Projekt des Continuation Lightweight E-Type – eines Autos, das er in den 60er- Jahren selbst mithalf zu entwickeln – war er als Berater für Jaguar Classic Works eingebunden. Bis in sein 98. Lebensjahr blieb Dewis ein globaler Markenbotschafter und großer Freund der Marke Jaguar. In Anerkennung seiner Leistungen für Jaguar und die englische Automobilindustrie erhielt Norman Dewis 2014 den Order of the British Empire (OBE) verliehen.

Prof. Dr. Ralf Speth, Jaguar Land Rover CEO, sagte: „Heute ist ein trauriger Tag für die Marke Jaguar, für die Jaguar-Fans in der ganzen Welt und auch für mich persönlich. Lässt man Normans extrem erfolgreiche Karriere außen vor, so waren es sein freundliches Wesen, seine fesselnden Geschichten und sein unbändiger Enthusiasmus, die ihn genau zu jenem Typ Mensch machten, mit dem man gerne Zeit verbringen wollte. Wir werden ihn schmerzlich vermissen. Die Marke Jaguar ist Synonym für eine Reihe großer Persönlichkeiten: Der Gründer, Sir William Lyons, der große Designer Malcolm Sayer, der innovative Ingenieur Bill Heynes und – natürlich – der große Testfahrer Norman Dewis. Normans Name wird in die Jaguar-Geschichte eingehen. Ohne seinen Beitrag zur Marke in seiner 33-jährigen Karriere oder seine Rolle als Markenbotschafter in der jüngeren Vergangenheit wäre Jaguar nicht zu dem geworden, was es heute ist. Daher hoffe ich, dass die Autowelt und alle, die sich mit Jaguar Land Rover verbunden fühlen, sagen: Danke, Norman.“

Es ist schade, dass wir nicht mehr Normans 100. Geburtstag feiern können. Er hatte seinen vielen Jaguar Fans und Freunden versprochen, zu diesem Anlass einen C-Type auf 100 Meilen oder 160 km/h pro Stunde zu beschleunigen. Er hätte es mit Stil gemacht, gestützt auf seinen „Leaper“-Spazierstock – und mit einem verschmitzten Lächeln.

Text/Fotos: Jaguar Land Rover Media

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